Mustafa Kemal Atatürk : Hitlers leuchtender Stern

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Die deutsche Rechte war nach dem Abschluss des Versailler Vertrags, der die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg festgeschrieben hatte, von einem wahren Türkenfieber erfasst. Der türkische Befreiungskampf diente der noch winzigen Nazipartei in ihrer Gründungsphase als Leitbild.

In den Morgenstunden des 30. Oktober 1933 marschierten in der Berliner Tiergartenstraße mehr als einhundert SA-Leute auf und bildeten eine Ehrenformation vor der türkischen Botschaft, wo sie trotz des Regens bis Mitternacht blieben. Im Laufe des Tages gaben sich nationalsozialistische Größen hier die Klinke in die Hand. Die Gattin des Botschafters erhielt ein Blumengebinde mit Hakenkreuz und Halbmond. Später waren einige SA-Leute derart betrunken, dass sie abgezogen werden mussten. Anlass des Spektakels war der zehnte Jahrestag der türkischen Republik. Zwar entspricht es durchaus den Gepflogenheiten, solche Jubiläen diplomatisch abzufeiern. Hier aber gratulierte eine politische Bewegung einer anderen, die nationalsozialistische der kemalistischen. Stefan Ihrig schildert die Szene in seiner ursprünglich als Dissertation in Cambridge verfassten Studie über Atatürk in der Vorstellungswelt der Nationalsozialisten.

Man durfte bislang gewiss davon ausgehen, dass Italiens „Duce“ Benito Mussolini ein Vorbild für Hitler war. Man denke nur an das aussagekräftige Posing des Diktators für seinen Fotografen Heinrich Hoffmann. Dass aber auch der türkische Staatschef ein Rollenmodell – so nennt es der Autor – darstellte, dürfte selbst vielen Experten unbekannt gewesen sein. Umso interessanter, wie viele Belege Ihrig hierfür gefunden hat.

Die deutsche Rechte war nach dem Abschluss des Versailler Vertrags, der die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg festgeschrieben hatte, von einem wahren Türkenfieber erfasst. Schienen doch die Türken als einzige der von den Pariser Vorortverträgen betroffenen Nationen willens, eine Revision der ihnen auferlegten Bedingungen mit Gewalt herbeizuführen. Der türkische Befreiungskampf diente den nationalistischen Parteien in Deutschland – und hier insbesondere der noch winzigen Nazipartei in ihrer Gründungsphase – als Leitbild. Voller Sehnsucht blickten sie zum Bosporus, wo einst der kranke Mann der europäischen Politik gelegen hatte und nun mit Mustafa Kemal Atatürk ein starker Mann die Politik bestimmte. Man wünschte sich auch für Berlin „deutsche Mustafas“, keine „Erfüllungspolitiker“. Ihrig hat die gesamte deutsche Rechtspresse der frühen Weimarer Zeit durchgesehen und zeigt, dass im „Kampf gegen Versailles“ das türkische Vorbild dem italienischen eindeutig voranging. Mussolinis Faschisten kamen erst 1922 ins Blickfeld. Nach dem Abschluss des Vertrags von Lausanne 1923 und nachdem sich am 9. November 1923 keine „Ankara-Regierung in Bayern“ hatte etablieren lassen, ließ die Türkei-Begeisterung dann nach.

Atatürk selbst behielt aber stets seinen Platz am ideologischen Firmament der Nationalsozialisten. Mehrere Biographien und immer wieder erscheinende Artikel hielten sein Ansehen hoch. Er war der völkische Führer, den man sich für Deutschland wünschte. Dass der türkische Präsident die ihm entgegengebrachte Begeisterung nicht erwiderte, während der Auseinandersetzung mit den Besatzungsmächten der Entente sogar mit kommunistischen Gruppen kooperierte, irritierte niemanden. Offenbar war die kemalistische Bewegung nicht nur innerhalb der Türkei anschlussfähig nach allen Seiten. Wie sehr sie es für die NS-Partei war, zeigt eindrücklich die eingangs beschriebene Szene. Hitler selbst bezeichnete Atatürk 1933 in einem Interview für die türkische Zeitung „Milliyet“ als „leuchtenden Stern“ in der nationalsozialistischen „Kampfzeit“. Er blieb dies auch nach seinem Tod 1938; jetzt nahm die Verehrung hagiographische Züge an.

Hitler zählte eine Büste Atatürks aus der Werkstatt des Bildhauers Josef Thorak zu seinen liebsten Kunstwerken. Selbst ein postum im Hamburger NS-Parteiblatt erschienener Artikel, in dem der „Vater der Türken“ lehrte, was einen wirklich guten Führer ausmacht, und in dem er zum Frieden in der Welt aufrief, konnte das Bild nicht mehr beeinträchtigen, das sich die Nazis von Mustafa Kemal gemacht hatten. Es war, das zeigt Ihrigs Buch deutlich, ein imaginiertes Rollenmodell. Atatürk galt – so formulierte es 1937 ein österreichischer Diplomat – als „Vorkämpfer und Wegbereiter des autoritären Regimes, wie es sich in der Folge in Europa eingebürgert und immer mehr durchgesetzt hat“. Unabhängig von der kemalistischen oder türkischen Wirklichkeit legten sich die Nationalsozialisten Atatürk schon früh als Schöpfer eines modernen Staates zurecht. Beides – Staat und Schöpfer – setzten sie als Leitfiguren für ihre eigenen Absichten und machten von ihnen vollen propagandistischen Gebrauch. So wurden in den Betrachtungen der Parteipresse der Aufbau der neuen Türkei und die Schaffung des neuen Deutschlands vergleichbar.

Die Modernisierung der Türkei wurde als völkische Errungenschaft, als Sieg des türkischen Nationalcharakters dargestellt. Was die ethnische Homogenisierung des türkischen Staates gegenüber dem Vielvölkergemisch des Osmanenreichs angeht, traf dies auf Griechen und Armenier sicher zu, hinsichtlich der Kurden jedoch nicht. Die Ermordung der Armenier während des Ersten Weltkriegs und die Vertreibung der Griechen nach den Bestimmungen des Lausanner Vertrags spielten den ethnischen Konzepten der Kemalisten in die Hände. Die Kurden wurden in Deutschland nicht wahrgenommen. So konnte man die neue Türkei durchaus als völkisch umgestaltet wahrnehmen, und dies mit Atatürk verbinden. Dass die Kemalisten ihre Modernisierung auch als Wende nach Europa verstanden, unterschlug man dabei einfach. Selbst als die Türkei 1939 kein Bundesgenosse wurde, sondern neutral blieb, sogar Heimstatt für viele deutsche Emigranten wurde, störte das die deutsche Imagination überhaupt nicht. Ihrig hat eine interessante Studie verfasst: Alles scheint erforscht, bis einer mit der Erkenntnis überrascht, dass Hitler in Atatürk ein Vorbild sah. Bedauerlich ist nur, dass alle ursprünglich deutschen Zitate jetzt nur ins Englische übersetzt zu lesen sind. Eine deutsche Auflage ist daher höchst wünschenswert.

Stefan Ihrig: Atatürk in the Nazi Imagination. Havard University Press, Cambridge/Massachusetts 2014. 320 S., 22,49 €.


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